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Auferstanden aus Ruinen?


Die dritte Generation der RAF begann dagegen programmatisch bereits mit dem Mai-Papier „Guerilla, Widerstand und antiimperialistische Front“, dass bereits die Vorgänger-Generation 1982 entworfen hatte. Mit diesem Papier setzten auch strukturelle und inhaltliche Veränderungen ein. Anders als im Deutschen Herbst 1977 setzte die RAF von nun an statt auf die Freipressung inhaftierter Mitglieder durch Geiselnahmen und Entführungen auf präzise geplante Angriffe. Zugleich formierte sich ihre personelle Struktur ab 1984 durch das Abtauchen einiger Personen in die Illegalität neu. Die Spitze bildete zwar wie in den vorherigen Generationen die Kommandoebene. Im Gegensatz zu den vorherigen beiden Generationen entschied sie aber nun nicht mehr allein über die Vorgehensweise. Vielmehr wurde jetzt auch das Umfeld der RAF in die Planung und Durchführung von Aktionen und Anschlägen mit eingebunden. Zunehmend fand eine Aufgabendelegierung von der Kommandoebene an untere Ebenen und Sympathisanten statt, insbesondere an die die zweite Ebene bildenden „illegalen Militanten“, auch „Kämpfende Einheiten“ oder szeneintern „antiimps“ genannt. Sie hatten die Aufgabe, Anschläge auf Objekte durchzuführen, aber nicht Personen zu schädigen. Die dritte Ebene bildeten die sog. Militanten. Zum engeren RAF-Umfeld zugehörig, spionierten sie vor allem Anschlagsziele für die Kommandoebene aus. Sie agierten nicht nur aus der Illegalität, sondern wirkten auch als „Feierabendterroristen“ und waren u.a. für die Logistik zuständig. So mieteten sie konspirative Wohnungen an, verstecken Geld und Waffen und Papiere. Das „legale“ RAF-Umfeld bildete schließlich die vierte Ebene. Ihre Mitwirkenden betrieben quasi die „Öffentlichkeitsarbeit“ der RAF. Sie hielten den Kontakt zur linksextremistischen Szene, rekrutierten den Nachwuchs für die RAF und betreuten die Gefangenen. Dadurch hielten sie zugleich auch die Kommunikation zwischen den einzelnen Ebenen aufrecht. Sogenannte Nahtstellenpersonen sorgten vor allem durch Kurierdienste dafür, dass die Verbindungen zwischen den einzelnen Ebenen aufrecht erhalten blieben und reibungslos funktionierten.8Zugleich versuchten sich die Akteure der dritten Generation international zu vernetzen. Dabei setzten sie auf eine enge Kooperation mit der französischen Terrororganisation Action Directe (AD), den belgischen Cellule Communiste Combattantes (CCC) und den italienischen Brigate Rosse (BR). Ihr Ziel war es, den bewaffneten Kampf zu internationalisieren und die Kräfte in den Metropolen in einer Front zu konzentrieren.9 Bereits in den 1970er Jahren kam es zur Kontaktaufnahme mit den BR. Sie brachen aber aufgrund ideologischer und strategischer Differenzen nach kurzer Zeit wieder ab. Die BR begann sogar mit Blick auf die RAF von feindlichen Konkurrenten zu sprechen. Auch die Zusammenarbeit mit den CCC war nur von kurzer Dauer. Langlebiger war dagegen die Kooperation zwischen RAF und AD. Sie erstreckte sich auf die gemeinsame Nutzung von Waffen, Sprengstoff und anderen Ressourcen, die gemeinsame Planung und Durchführung von Aktionen und die Entwicklung einer gemeinsamen Programmatik. Ausdruck dieser verstärkten Zusammenarbeit war die Offensive 85/86 mit Mordanschlägen auf den französischen General René Audran am 25. Januar 1985 und auf den MTU-Chef Ernst Zimmermann am 1. Februar 1985 sowie den Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main-Airbase in Frankfurt am Main am 8. August 1985, bei der drei Menschen getötet und 26 teilweise schwer verletzt wurden. Zum endgültigen Bruch zwischen der RAF, der AD, den BR und den CCC kam es aber erst mit der Gewaltverzichtserklärung der RAF vom Januar 1992.10 Mit der Ermordung des Chefs der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder endete 1992 die gezielte Gewalt gegen Menschen. Der Anschlag auf den Gefängnisneubau im hessischen Weiterstadt am 27. März 1993 war schließlich der letzte bekannte Anschlag der RAF.11 Mit ihrer Auflösungserklärung vom 20. April1998 endete nach fast 30 Jahren die Geschichte der RAF. Ihre Akteure mussten sich eingestehen, dass sie mit ihrem Versuch, den demokratischen Rechtsstaat gewaltsam zu erschüttern, die Massen nicht mitreißen konnten und völlig isoliert waren.

 

4 Staub, Garweg und Klette und die dritte Generation der RAF


Über die Akteure der dritten Generation der RAF ist bis heute nur relativ wenig bekannt. Vermutlich gehörten der bei den Geschehnissen von Bad Kleinen im Juni 1993 ums Leben gekommene Wolfgang Grams und seine Begleiterin Birgit Hogefeld ebenso wie Eva Haule und möglicherweise auch Barbara und Horst Ludwig Meyer zu ihrer Kommandoebene.12 Ob Staub, Klette und Garweg der Kommandoebene der dritten RAF-Generation angehörten ist bis heute unklar. Am Tatort gefundene DNA-Spuren belegen, dass alle drei am Sprengstoffanschlag der RAF vom 27. März 1993 auf die sich zum damaligen Zeitpunkt in Bau befindliche JVA Weiterstadt beteiligt waren. Ins Blickfeld der Öffentlichkeit sind sie aber erst richtig nach dem Ende ihrer RAF-Aktivitäten durch die von ihnen zu verantwortenden Raubüberfälle gerückt.
Ernst-Volker Staub wurde am 30. Oktober 1954 in Hamburg geboren. Ab 1975 studierte er erfolglos Sprachwissenschaften, Phonetik und Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg. Im Juli 1984 wurde er zusammen mit Helmut Pohl und Mitgliedern der Ebene der Militanten in einer konspirativen Wohnung in der Berger Straße in Frankfurt am Main verhaftet und 1986 zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, unerlaubten Waffenbesitzes und Urkundenfälschung verurteilt. Nach seiner Haftentlassung 1988 tauchte er nach einem Aufenthalt in der Hamburger Hafenstraße unter.13
Daniela Klette, geboren am 5. November 1958, gehörte seit den 1970er Jahren verschiedenen Initiativen gegen die Frankfurter Startbahn-West und Anti-NATO-Bewegungen an. Über Unterstützerkreise gelangte sie zur RAF.14 Mit Hilfe von DNA-Tests an Tatortmaterialien konnte nachgewiesen werden, dass sie an dem Anschlag auf die US-Botschaft in Bonn vom Februar 1991 ebenso wie am Sprengstoffanschlag von Weiterstadt beteiligt war. Fingerabdrücke auf einem von Hogefeld stammenden Brief am Tatort in Bad Kleinen 1993 lassen den Schluss zu, dass sie und Staub zur Kommandoebene der dritten Generation der RAF gehörten.15
Über den Jüngsten der drei Flüchtigen, Burkhard Garweg, ist noch weniger bekannt. Geboren am 1. September 1968 in Bonn, soll er sich etwa 1990 der RAF angeschlossen haben und in den Untergrund gegangen sein, nachdem er zuvor ebenso wie Staub in der Hamburger Hafenstraße gelebt hatte.16

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