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Auferstanden aus Ruinen?

5 Ausblick


Auch mehr als 20 Jahre nach der formellen Auflösungserklärung der RAF ist das Interesse an dieser Terrororganisation, ihren Taten und ihren Akteuren groß. Allein die drei Buchstaben RAF garantieren mediale und gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Jede neue Erkenntnis, die eine Verbindung zu Staub, Garweg und Klette herstellt, ist den Medien eine Schlagzeile wert. Dennoch ist noch immer unklar, wozu die Überfälle dem RAF-Trio dienen und ob sich die Raubüberfälle fortsetzen werden. Die Sicherung der Altersvorsorge dürfte dabei ein gewichtiges, möglicherweise gar das entscheidende Motiv gewesen sein. Auch in ihrer aktiven Zeit beging die RAF Raubüberfälle und finanzierte mit den erbeuteten Geldern ihre Aktionen und ihr Leben im Untergrund. Raubüberfälle betrachtete die RAF nie als kriminelle Handlung, sondern als legitime „Enteignung“ und gab diesen Taten somit stets einen politischen Anstrich. Obwohl nach dem Überfall von Duisburg aus dem Jahre 1999 der Generalbundesanwalt mit Blick auf eine neue terroristische Vereinigung ermitteln ließ, spricht gegenwärtig nichts Erkennbares für das Entstehen oder gar bereits die Existenz eines neuen Linksterrorismus, erst recht nicht für einen hierarchisch organisierten. Dafür fehlen zurzeit die erforderlichen ideologischen, organisatorischen und strukturellen Voraussetzungen. Dennoch darf nicht ausgeschlossen werden, dass zumindest Teile der Gelder auch für andere Zwecke als für die Altersvorsorge gedacht sein könnten. Dabei muss es sich nicht unbedingt und zuvorderst um den Aufbau einer vierten Generation der RAF handeln. Aber auch schon die finanzielle Unterstützung linksautonomer Gruppierungen, Projekte und militanter Strukturen durch Gelder aus den Überfällen würde der Raubserie des RAF-Trios einen gänzlich neuen Charakter geben. Vor allem die dritte Generation der RAF pflegte enge Beziehungen zu ihrem Unterstützerumfeld, das wiederum Kontakte in die autonome Szene unterhielt. Für ein Weiterbestehen dieser Verbindungen spricht nicht zuletzt der Zuspruch, den das RAF-Trio aus diesem Milieu erhält. So wurden in Hamburg Solidaritätsplakate aufgehängt und über das mittlerweile verbotene Onlineportal linksunten.indymedia.org zur Solidarität mit dem RAF-Trio aufgerufen.17 Der ehemalige RAF-Terrorist Karl-Heinz Dellwo wünschte z.B. in einem Namensbeitrag für die „Junge Welt“, das die Drei „hoffentlich von solidarischen Strukturen getragen und nie gefangengenommen [werden].“18
Auch wenn der Generalbundesanwalt die Ermittlungen in dieser Angelegenheit bislang nicht an sich gezogen hat und lediglich wegen Beschaffungskriminalität durch die örtliche Staatsanwaltschaft Verden ermittelt wird, dürfen die Sicherheitsbehörden die Möglichkeit nicht außer Acht lassen, dass die Gelder auch zur Unterstützung und weiteren Radikalisierung der linksextremistischen Szene verwendet werden könnten. Die Erfahrungen aus den Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), der ein Jahrzehnt lang mordend durch die Bundesrepublik ziehen konnte, ohne dass die Sicherheitsbehörden hinter den Taten eine rechtsterroristische Motivation erkannten, sollte eine Lehre sein, auch das zunächst unmöglich erscheinende mitzudenken.
Die dritte Generation der RAF ist als die spurenloseste in die Geschichte eingegangen. Manchen behaupten gar, sie wäre nur ein Phantom, eine Erfindung westlicher Geheimdienste gewesen.19 Im Gegensatz zur ersten und zweiten Generation führte sie ihre Aktionen konspirativ und klandestin durch, die eigene Sicherheit genoss oberste Priorität. Aus diesem Grunde ist bis heute tatsächlich nur wenig über Ihre Strukturen und Akteure bekannt. Auch für welche Verbrechen sie die Verantwortung trägt, ließ sich bislang noch nicht grundlegend klären. Die dritte Generation der RAF war zwar an verschiedensten Verbrechen, auch im internationalen Rahmen, beteiligt. Doch die meisten ihrer Taten sind bis heute nicht aufgeklärt. Wer war für den Anschlag auf den Siemens Manager Siegfried Beckurts im Jahre 1986 verantwortlich? Wer ermordete 1989 den Vorstandsprecher der Deutschen Bank Alfred Herrhausen? Wer tötete 1991 den Chef der Treuhandanstalt Detlev Karsten Rohwedder? Mindestens zehn Morde soll die dritte Generation der RAF zu verantworten haben, nur die Ermordung des GSG 9-Beamten Michael Newrzella im Juni 1993 in Bad Kleinen durch Wolfgang Grams und die Tötung des US-Soldaten Edward Pimental im August 1985 in Wiesbaden durch Birgit Hogefeld und Eva Haule konnten bislang aufgeklärt und der dritte Generation der RAF zugeordnet werden. Eine Festnahme der drei Flüchtigen könnte somit nicht nur zur Aufklärung einer beispiellosen Raubserie beitragen, sondern auch Licht ins Dunkel eines noch unaufgearbeiteten Stückes bundesrepublikanischer Geschichte bringen.

Anmerkungen

 

  1. Vgl. Butz Peters, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, 4. Auflage Frankfurt am Main 2007, S. 17f.
  2. Vgl. Wolfgang Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus. Anmerkungen zu ihrer Geschichte, ihrem soziologischen Profil und der Rolle des Protestantismus, in: Online-Texte der Evangelischen Akademie Bad Boll, www.ev-akademie-boll.de/fileadmin/res/otg/520707-Kraushaar.pdf (gelesen am 10.2.2018).
  3. Auch wenn der Generationenbegriff umstritten ist, da er unzutreffende Prämissen wie eine Form der verwandtschaftlichen Beziehung zwischen den einzelnen Generationen und eine klare Abgrenzbarkeit zwischen ihnen impliziert, ist er aus Sicht von Wissenschaft und Sicherheitsbehörden für die Bearbeitung dieses Untersuchungsgegenstandes unverzichtbar.
  4. Vgl. Alexander Straßner, Die dritte Generation der „Roten Armee Fraktion“. Entstehung, Funktionslogik und Zerfall einer terroristischen Organisation, Wiesbaden 2003, S. 83ff.
  5. Vgl. Christopher Daase, Die dritte Generation der RAF (1982-1998), in: www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/geschichte-der-raf/49299/die-dritte-generation (gelesen am 16.7.2018).
  6. Vgl. Straßner, dritte Generation (Anm. 4), S. 79.
  7. Vgl. Michael Sontheimer, Der Schlüssel zum RAF-Code, in: www.taz.de/!453088/ (gelesen am 18.6.2019).
  8. Vgl. Straßner, dritte Generation (Anm. 4), S. 83ff.
  9. Vgl. Daase, dritte Generation (Anm. 5).
  10. Vgl. ebenda.
  11. Vgl. Straßner, dritte Generation (Anm.4), S. 81.
  12. Ebd., S. 105.
  13. Vgl. Peters, Tödlicher Irrtum (Anm.1), S. 707.
  14. Vgl. ebenda, S. 709.
  15. Vgl. Straßner, dritte Generation (Anm. 4), S. 108.
  16. Vgl. Peters, Tödlicher Irrtum (Anm.1), S. 709.
  17. Vgl. Aufruf „Solidarität mit Burkhard Garweg, Daniela Klette und Volker Staub“, in: linksunten.indymedi.org (gelesen am 26. August 2016).
  18. Karl-Heinz Dellwo, Ein neues Außen finden, in: Junge Welt vom 20.4.2018, S.3.
  19. Vgl. Gerhard Wisnewski/Wolfgang Landgraeber/ Ekkehard Sieker, Das RAF-Phantom. Wozu Politik und Wirtschaft Terroristen brauchen, München, 2. Auflage, Februar 1997.
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