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Forensisch entomologische Untersuchungen im Kriminaltechnischen Institut des Bayerischen Landeskriminalamtes


3.2 Versuche zur Abfolge der Besiedelung von Kadavern (Sukzessionsversuche)

In unregelmäßigen Abständen führen die Entomologen des BLKA auch sog. Sukzessionsversuche durch, bei denen Tierkadaver ausgelegt werden und die Abläufe der Verwesung und der Besiedelung mit Insekten untersucht und dokumentiert werden. Üblicherweise werden für diese Versuche Schweine verwendet, da sie von ihrer Behaarung und Ernährung dem Menschen am nächsten kommen, und daher allgemein als Modelltiere anerkannt sind. Mit der Durchführung eigener Sukzessionsversuche lässt sich z.B. überprüfen, ob die in der Fachliteratur publizierten Daten auch auf das heimische „Einsatzgebiet“ anwendbar sind. Zusätzlich gewinnen die Entomologen einen aktuellen Überblick über die heimische forensisch relevante Insektenfauna, und nicht zuletzt kann die hauseigene Vergleichssammlung des BLKA ergänzt und erweitert werden. So wurde wiederholt bei Sukzessionsstudien mit Chrysomya albiceps (Abb. 3) eine subtropische bis tropische Schmeißfliegenart in Bayern nachgewiesen, die sich jetzt wohl immer mehr nach Norden ausbreitet – vermutlich auch im Zuge der Klimaerwärmung.3

 

Abb. 3: Chrysomya albiceps, eine ursprünglich subtropische bis tropische Schmeißfliegenart, die inzwischen bereits mehrfach auch in Deutschland nachgewiesen werden konnte.

 


Abb. 4: Typischer Versuchsaufbau für eine Sukzessionsstudie des BLKA: Ausbringung eines bekleideten, frischen Schweinekadavers in München. Der Käfig dient dem Schutz des Studienobjektes vor größeren Aasfressern. An vier Seiten um den Käfig befinden sich Bodenfallen zur Erfassung von Bodeninsekten.


Abb. 4
zeigt den typischen Aufbau eines Sukzessionsversuchs, in Abb. 5 ist die Abwanderung der ersten Besiedelungswelle von Schmeißfliegen im fortgeschrittenen Verwesungszustand zu sehen.

 


Abb. 5: Die Abwanderung von Schmeißfliegenmaden im „Post-Feeding“-Stadium von einem unbekleideten Schweinekadaver an Tag 12 nach Beginn eines Sukzessionsversuches (Larven der ersten Besiedelungswelle).

Häufig finden diese Versuche in Zusammenarbeit mit anderen Organisationen statt, z.B. mit dem Nationalpark Bayerischer Wald oder mit der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM). Bei solchen Kooperationen ergeben sich immer wieder wertvolle Synergieeffekte, wie z.B. im Jahr 2016 die Weiterentwicklung der molekulargenetischen Bestimmung leichenbesiedelnder Insekten durch die ZSM. Ein Teil dieser Ergebnisse wurde bereits publiziert, eine weitere Veröffentlichung ist gerade in Arbeit. Es ist abzusehen, dass diese Methode in der Zukunft Erleichterungen für die Fallarbeit bringen wird, gerade im Hinblick auf die – morphologisch sehr anspruchsvolle – Bestimmung früher Larvenstadien von Fliegen.

Ein zusätzlicher Vorteil der Durchführung von Sukzessionsversuchen ist der Gewinn an Praxiserfahrung. Die Bearbeitung eines solchen Experiments deckt die gesamte Bandbreite der entomologischen Fallpraxis ab: von der Dokumentation, Temperaturmessung und Spurensicherung am „Tatort“ bis zur Bebrütung, Konservierung und Bestimmung von Insektenmaterial im Labor. Diese Übung kommt nicht nur den Entomologen selbst zugute: So haben ca. 50 spurensichernde Beamte der Bayerischen Polizei im Jahre 2016 die Gelegenheit genutzt, im Verlauf eines Sukzessionsversuchs eine praxisnahe Fortbildung in entomologischer Spurensicherung zu erhalten und dabei selbst Hand anzulegen.

Dabei sind die Entomologen des BLKA nicht ausschließlich national aktiv. Als Mitglieder der European Association for Forensic Entomology (EAFE) befinden sie sich in regem Austausch mit internationalen Fachkollegen. Bisheriger Höhepunkt in dieser Hinsicht war die Organisation der EAFE-Jahrestagung 2018 bei der etwa 80 Delegierte in München begrüßt werden konnten.

Bildrechte: Autoren und Lars Weidlich.

 

 

Anmerkungen

 

  1. Dr. Frank Reckel (rechtes Foto) und Dr. Jan Grunwald sind Sachverständige für biologische und textile Mikrospuren im Kriminaltechnischen Institut des Bayerischen Landeskriminalamtes.
  2. Amendt, J., Rodner, S., Schuch, C.-P., Sprenger, H., Weidlich, L., & Reckel, F., 2017, Helicopter thermal imaging for detecting insect infested cadavers. Science and Justice 57, 366-372.
  3. Kotrba, M., Reckel, F., Grunwald, J., Balke, M., Swoboda, S., 2012, Chrysomya albiceps – a forensically important blow fly new for Bavaria. Mitt. Münch. Ent. Ges. 102, 99-103.
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