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„Was Terroristen wollen!“

2.3 Kontext Dschihadismus

Die vorherigen Ausführungen sind weitestgehend universell auf den Terrorismus zu übertragen, ganz gleich, ob er religiös, ethno-nationalistisch oder sozialrevolutionär motiviert ist. Aber natürlich stellt sich die Frage, inwieweit dies im islamistischen Kontext noch weiter zu differenzieren ist bzw. was spezielle Merkmale betreffen könnte.

Zunächst unterscheidet sich der hierzulande bekannte und erwartete islamistische Terrorismus von anderen Formen in der möglicherweise begrenzten Rationalität. War ein zentrales Anliegen der Irish Republican Army (IRA) bspw. die politische Partizipation, also im Grunde ein (wenn auch für damalige politische Verhältnisse vielleicht scheinbar unrealistisches) konkretes, zumindest theoretisch verhandelbares Ziel, so ist doch das letztliche Anstreben einer Weltherrschaft, das Töten aller Ungläubigen etc. kein wirklich negoziierbares Thema. Dabei wäre natürlich zu fragen, was die wirklichen Ziele sind; wahnwitzige Forderungen als Strategie zur Erreichung durchaus nachvollziehbarer Anliegen sind auch in anderen Zusammenhängen durchaus anzutreffen. Dennoch gibt es kaum Belege dafür, aus diesen vermeintlich irrationalen Forderungen eine begrenzte Rationalität – vor allem hinsichtlich der oben genannten Motive – abzuleiten. Mit anderen Worten: Das einzige Irrationale wäre das Anliegen, jedoch sind auch vermeintlich wahnwitzige, scheinbar verblendete Forderungen rational nachzuvollziehen (und eben nicht bspw. trieb- oder krankhaft entstanden). Die Motive und Strategien folgen allemal höchst rationalen Mustern – auch im Kontext des dschihadistischen Terrorismus, auch im Nachvollzug der bislang bekannt gewordenen Anschlagsversuche.

Ein zweiter Punkt ist die Internationalität dieses Terrorismus. Zwar ist das kein neues Phänomen, und auch andere Formen des Terrorismus neigten zur internationalen Zusammenarbeit. Zweifelsohne macht dies aber die Analyse und Prognose komplexer, wenn sich – wie dies im Falle des islamistischen Terrorismus des IS oder der al-Q’aida – die Organisationen in verschiedenen Ländern etablieren, einen ganzen Kulturkreis („den Westen“, mithin auf mehreren Kontinenten zu finden) zum Anschlagsziel erklären, potentielle Täter gar aus hiesigen Bewohnern rekrutieren.

In diesem Zusammenhang gibt es einen dritten, für die Sicherheitsbehörden problematischen Aspekt, der inzwischen typisch für die oben genannten Organisationen ist: Die Selbstradikalisierung ohne konkrete, persönliche Anbindung an die Gruppe und individuellen Tatentschluss und -ausführung ohne direktem, aber antizipiertem Mandat dieser (allerdings der Gewissheit der späteren Hoheit der Organisation darüber; hier wieder als Bezug zum Aspekt Ruhm). Auf den ersten Blick scheint sich dieser Tätertyp der analytischen Prognose zu entziehen. Allerdings dürften die Motive den oben ausgeführten ebenso entsprechen, was für eine hohe Rationalität der Taten spricht, so irrational sie scheinen. Sie agieren ebenso im Sinne einer rational choice und wägen unter Kosten-Nutzen-Aspekten ihr Vorgehen ab (entscheidend dürfte also sein, diese jeweiligen Parameter zu erforschen, letztlich die richtigen zu bewerten).

Der vierte im Kontext der hier vorrangig angesprochenen Organisationen zu erwähnende Punkt ist das Phänomen des Selbstmordattentats. Auch dies ist keine neue Erfindung und keineswegs ein Privileg islamistischer Terrororganisationen, dennoch aber hier keine unübliche Tatbegehungsweise und schon vor Jahren als Strategie empfohlen worden. Aus Sicht der Sicherheitsbehörden muss dabei vor allem als problematisch gelten, dass sämtliches Nachtatverhalten wegfällt, sowohl am Tatort selbst (es muss bspw. keine Flucht geplant werden), den Täter an sich (dieser ist tot), als auch die potenzierten Möglichkeiten des Tatausmaßes bis hin zu den abstrusesten Anschlagsszenarien (09/11 kann hier als Illustration gelten). Abgesehen davon sind die vielen möglichen Taten finanziell relativ unabhängig zu begehen.

 

2.4 Strategien

Terroristische Angriffe sind grundsätzlich überlegt und sorgfältig geplant. Wie bereits geschildert, verfolgt der Terrorismus eine Kommunikationsstrategie, in einer anderen Perspektive ließe sich sogar sagen, er ist eine Kommunikationsstrategie. Die Tat ist also genau darauf abgestimmt, eine Botschaft zu übermitteln (Hoffmann 2007: 248). Sie wird so geplant und durchgeführt, dass sie die bestimmten Ziele und Motive reflektiert, ihren Ressourcen und Fähigkeiten entspricht und das „Zielpublikum“ berücksichtigt. (ebd.) Taktiken, Ziele und Waffen sind durch die Ideologie der jeweiligen Organisation, ihre innere Dynamik, den Charakter ihrer wichtigsten Mitglieder wie auch durch viele innere sowie äußere Stimuli geprägt.

Strategisch genutzt wird insbesondere durch die international agierenden Organisationen der al-Q’aida und in gesteigerter Form durch den IS das Internet als Propagandamittel, aber auch zur Rekrutierung. Es werden Rechtfertigungsgründe angeboten, Ruhm versprochen, Rachegelüste geschürt und Tatbegehungsvorschläge in Einzelheiten erläutert. Darüber hinaus scheinen die Taten auch so konzipiert zu werden, dass sie sich auf diesen (den Sicherheitsbehörden ebenfalls zugänglichen) Kanälen gut transportieren lassen. Anders als bspw. beim NSU wird schnellstmöglich eine Tat aufgegriffen und sich zu ihr bekannt.

Wie oben bereits ausgeführt, sind die Anschläge mit einkalkuliertem Selbstmord durchaus ein Markenzeichen islamistischer Terrorgruppen geworden. Mit der Geschichte des Märtyrertums – auch das ein strategisches Moment in der Manipulation künftiger Täter – scheint dies den Organisationen zu gelingen, das Rache- und (Ruhmes-)Bedürfnis der Attentäter derart zu steigern, dass das eigene Überleben nicht mehr wichtig, der Tod im Kampf gar gewünscht ist. Hier gibt es (mindestens) zwei Dimensionen: Zum einen der Selbstmordanschlag, bei dem vom eigenen Tod ausgegangen wird, dieser das Mittel des Aktes ist. Zum anderen aber, und dies scheint unter dem IS gegenüber der al Q’aida zuzunehmen, wird der eigene Tod zwar in Kauf genommen, aber das Weiterleben nach der Tat scheint dazu eine Alternative (z.B. unter Umständen lieber inhaftiert als tot) zu sein. Auch diese Aspekte könnten analytisch aufschlussreiche Thesen hinsichtlich konkreter Strategien ergeben.

Insgesamt scheint religiös motivierter Terrorismus weniger Hemmungen zu haben bei wirklicher Anwendung von Gewalt, die Kategorien von Zielen und Feinden sind unspezifischer als bei anderen Formen des Terrorismus (Hoffman 2007: 364).

Der wichtigste Punkt scheint für Terroristen aber grundsätzlich zu sein, „Ziele auszuwählen, die 100-prozentigen Erfolg garantieren“ (Georges Habash, zit. in Hoffmann 2007: 378).

 

3 Schlussfolgerungen

 

In der Annahme einer absoluten Rationalität ließe sich also bei der Ungewissheit der Berücksichtigung aller durch den Terroristen einbezogenen und vernachlässigten Determinanten seiner Entscheidung – jedenfalls theoretisch – dessen Handeln prognostizieren. Dem widerspräche freilich die unbekannt hohe Anzahl potentieller Täter (weil die Determinanten insgesamt in Richtung Unendlichkeit gehen würden), von denen man zudem nicht weiß, wo sie wie leben und mit wem sie wie Kontakt halten, gar wie sie denken. Dem wäre aber entgegenzuhalten, dass derzeit lediglich 720 Personen identifiziert sind, also ein so gesehen überschaubarer und übrigens recht homogener (möglicher) Täterkreis. Es ist also nur konsequent, über die Gefährdersachbearbeitung hinaus (dieser kriminalpolizeiliche und nachrichtendienstliche Ansatz ist zwingend, auch wenn er kaum lückenlos durchzuhalten ist und oftmals bestenfalls Bewegungs- und Kontaktbilder erbringt) die Prognosekompetenz der Sicherheitsbehörden hinsichtlich Begehung, Ort und Zeit erheblich zu verbessern (bzw. damit ernsthaft zu beginnen) und sich so - parallel zur personenorientierten Terrorismusabwehr - besser aufzustellen. Die Polizei (für Nachrichtendienste gilt dies natürlich ebenso) weiß nicht, was sie nicht weiß. Aus diesem Grunde wäre es kaum nachvollziehbar, hier zugunsten der als Gefährder (oder anderweitig) identifizierten Personen auf diese Ressourcen zu verzichten – schon, weil es ist nicht unwahrscheinlich ist, dass Taten von Personen verübt werden, die bislang nicht „auf dem Schirm“ sind. Auch wenn man – eben weil der hundertprozentige Erfolg gesucht wird – ohne Personenorientierung nie wissen kann, ob man durch die aus der Prognose folgenden Maßnahmen eine Tat verhindert hat oder nicht.

 

3.1 Tatausführung

Die obigen Ausführungen sollten deutlich machen, dass es durchaus personenunabhängig verschiedenste Merkmale zu geben scheint, die aus der unbegrenzten Vielzahl von Szenarien die Wahrscheinlichkeit bestimmter Taten (sowie Orte und Zeiten) deutlich werden lässt. Hinsichtlich der Tatausführung sollten also die Wahrscheinlichkeiten bestimmter Modi Operandi erkannt werden, zum einen aus Sicht der (verschieden zu kategorisierenden) Täter bezüglich der Aspekte Rache, Ruhm und Reaktion sowie die tagesaktuellen Einflüsse mutmaßlicher Stimuli, zum anderen die Ressourcen und Kompetenzen wahrscheinlicher Attentäter berücksichtigt werden. Möglicherweise ist es derzeit sehr viel wahrscheinlicher, dass in einem Einkaufszentrum mit einfachsten Hilfsmitteln (z.B. einem Küchenmesser) auf eine maximale Anzahl von Personen eingestochen wird (bei gleichzeitiger Möglichkeit einer gelingenden Flucht), als dass es zu einem Sprengstoff(selbstmord-)anschlag kommt. Die Tat vom Berliner Breitscheidplatz im Kontext früherer Anschläge und bekannt gewordenen Vorbereitungshandlungen belegt genau diese Tendenz.

 

3.2 Tatort/-objekt

Um beim Beispiel des Einkaufszentrums zu bleiben: Schon vor 09/11 wurde von al Q’aida ein Wandel hin zu sog. soft targets vollzogen, der das Ziel „Angst und Schrecken“ zu verbreiten erheblich potenziert. Dies lässt sich steigern, wenn Orte attackiert werden, die eben nicht im Fokus der Bevölkerung und Sicherheitsbehörden liegen. Mit anderen Worten findet dann ein Anschlag eben nicht im Einkaufszentrum in Hamburg, Berlin oder Frankfurt statt, sondern in Dessau, Neubrandenburg oder Husum. Denn weder große Teile der Bevölkerung noch die Sicherheitsbehörden rechnen wirklich überall damit – der Anschlag beim Kölner Karneval wird mehr gefürchtet als in der Schweriner Einkaufsmeile. Auch das potentielle Tatobjekt (Einkaufszentrum vs. Weihnachtsmarkt vs. 09/11) scheint an spezifischer Symbolkraft zu verlieren, es muss keinen unmittelbaren Bezug haben und lässt sich dennoch herleiten. Hier gilt es um so mehr, Analyse mit regionalen Kenntnissen zu kombinieren.

 

3.3 Öffentlichkeitswirksame Reaktion der Sicherheitsbehörden

Dieser Part ist aus Sicht der Polizei womöglich der Schwierigste im Umgang mit Terrorismus, vor allem, weil Medien frei und marktorientiert berichten, es ein Bedürfnis nach Informationen gibt und Politik sich in der Regel aktionistisch und durchsetzungsstark gegenüber Terrorgefahren zeigt (und in der Funktionsweise von Politik geben muss). Medien stellen einen weiteren Akteur im Geflecht Sicherheitsbehörden vs. Terrorismus dar.

Wie gezeigt wurde, funktioniert Terrorismus in der Abfolge Aufmerksamkeit, Bestätigung und Anerkennung. Alles ist darauf ausgerichtet, und es ist utopisch, dass Medien (was das Wirksamste wäre) gar nicht berichten. Schon der Versuch eines Anschlags bringt Schlagzeilen – und damit den ersehnten Ruhm (Hoffmann 2007: 385). Die Frage, die im Zuge einer guten Analyse zu erforschen wäre, ist also, inwieweit – wenn schon berichtet wird – die Polizei im Vorfeld und nach einem Terroranschlag, im oben gezeigten, nicht unmittelbar beeinflussbaren Spannungsfeld, Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Hier sollten Analyse, daraufhin getroffene Maßnahmen und Öffentlichkeitsarbeit taktisch zusammenwirken. Auch Polizei beeinflusst mit ihren Aussagen Medien und Rezipienten und damit letztlich auch (potentielle) Terroristen, die sich nach Ruhm und Reaktion sehnen.

 

4 Fazit

 

Dieser Beitrag ist nicht als Plädoyer zu verstehen, Objekte statt Gefährder zu überwachen. Zusammenfassend ist vielmehr zu konstatieren, dass sich seitens der Sicherheitsbehörden nicht nur (aber zwingend weiterhin) täterorientiert und operativ aufklärend der Terrorismusgefahr gewidmet werden sollte. Zusätzlich müssen durch eine bisher (jedenfalls auf Länderebene) vernachlässigte (strategische) Analyse Tatgelegenheiten und -objekte zielgerichtet und tagaktuell herausgearbeitet werden. Zwar wird auch dies die abstrakt hohe Gefahr nicht beseitigen, jedoch scheint es unbedingt erforderlich, da es möglicherweise zu viele (unbekannte) potentielle Täter gibt. Denn die Operative Aufklärung arbeitet im polizeilichen Hell-, höchstens Grau- aber nicht im Dunkelfeld. Außerdem würde man sonst untätig bleiben (auch mit dem Preis, dass man den Erfolg nicht messen kann, denn man wird in der Regel nicht wissen, ob die Prognose zutreffend war, was allerdings kein hinreichender Grund sein dürfte, dieses Instrument zu vernachlässigen). So gibt es kaum eine andere Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen zu minimieren, als sich auch intensiver mit der Prognose zu beschäftigen, die den potentiellen Täter noch nicht kennt, aber andere gewichtige Merkmale identifizieren kann. Diese müsste allerdings wesentlich konkreter und gehaltvoller sein, als es gegenwärtig der Fall ist. Hierzu sollten interdisziplinäre Kompetenzen zusammenwirken: Unterstützen in verschiedenen LKÄ bereits vereinzelt Islamwissenschaftler den Staatsschutz, so fehlt es doch weitestgehend an Verhaltenspsychologen, Kriminologen, Statistikern und weiteren nichtpolizeilichen Wissenschaften. Bislang rekrutieren sich die Analysedienststellen aus Polizeibeamten, die wenig methodisch und stringent, vielmehr aus einem „Bauchgefühl“ heraus arbeiten. Die strategische Analyse beschränkt sich auf Lagebilder, bietet aber der Polizei kaum Anhaltspunkte, konkret Kräfte einsetzen und bewegen zu können. Darüber hinaus fehlt es an einer geeigneten Aus- und Fortbildung in diesem Bereich, hier gilt in der Regel „learning by doing“, Austausch und methodische Weiterentwicklung in diesem Bereich findet de facto nicht statt. Szenariotechniken, auch auf regionaler und lokaler Ebene, würden dem polizeilichen Management ermöglichen, sinnvoll Kräfte im Bereich der Terrorismusbekämpfung bzw. -verhinderung einzusetzen, insbesondere im Hinblick darauf, dass auch technische Entwicklungen hinsichtlich verdächtiger Verhaltenserkennung dies zukünftig unterstützen könnte. Die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit vorher (im Sinne von Vorbereitung, Sensibilisierung und Beeinflussung) und nachher (hinsichtlich der Aspekte Rache, Ruhm, Reaktion vs. Spannungsfelder und Bedürfnisse Anderer vs. strafrechtliche Ermittlung) sollte ebenfalls interdisziplinär begleitet, mit der Analyse gekoppelt und möglicherweise auch taktisch nutzbar gemacht werden. Auch die Polizei kann Pfadabhängigkeiten vor dem Hintergrund obiger Aspekte beeinflussen, und sie kann (und tut es ja bereits vielfach) Meinungs- bzw. Informationshoheit anstreben. Menschen funktionieren nach Mustern; die psychologische und statistische Schwierigkeit ist es, diese zu erkennen. Terroristen handeln rational. All dies spricht dafür, dass es sich lohnen könnte, über vorgenannte Vorschläge weiter nachzudenken – dann wäre das Anliegen des Aufsatzes erreicht.

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